Ein Wal in seichtem Wasser, der Timmy/Hope sein könnte
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Wal-Mania: Totgeglaubte leben länger

Wie ein Buckelwal seinen Kritikern die Fluke zeigt

Wal Hope: Wir werden ihn nie vergessen - auch nicht seine Helfer

Es war ein ergreifender Moment, als Buckelwal „Timmy“ oder auch „Hope“ heute Mittag vor der Insel Poel freiwillig in seine Rettungsbarge schwamm. Nach vielen, vielen Wochen, in denen Experten ihn bereits aufgegeben hatten, haben Mutige gezeigt, das Aufgeben niemals eine Option sein kann. Und auch der Wal selbst hat klar gezeigt: „ich bin noch nicht bereit, zu sterben.“

Ich ziehe den Hut vor all‘ jenen, die bereit waren, alle Kraft und Energie in diesen Säuger, der in unseren Breiten nicht zum Alltagsbild der Meere gehört, zu stecken. Die sich Tag und Nacht aufgeopfert haben, um für neue Herausforderungen passende Lösungen zu finden. Die stundenlang im kalten Wasser standen, um diesen 12 Meter langen Wal zu begutachten, zu pflegen, im Rahmen der Möglichkeiten, sich zu vergewissern, wir tun das richtige.

Viel Schelte gab es, viel Unruhe im Team, doch ist das ein Wunder? Es ist eine nervenzehrende Situation, in der man kaum etwas richtig machen kann, aber so viel falsch.

Es hat nicht viel für Hope gesprochen, der erste Versuch missglückte, weil die Umstände sich geändert hatten.

Es gab einen herben Schicksalsschlag, als die leitende Tierärztin Jasmin Bahr-van-Gemmert per Rettungshubschrauber in eine Klinik gebracht wurde. Ich wünsche ihr von ganzem Herzen eine baldige Genesung und nur das Beste.

Menschen haben sich verbogen für diesen Wal, dessen Schicksal wir irgendwie doch in der Hand hatten. Wir hätten ihn dem sicheren Tod überlassen können, denn in der Ostsee könnte er nicht überleben, ob nun ansonsten gesund, oder nicht.

Viele Walexperten hatten – und haben – ihn schon aufgegeben und wurden auch nicht müde, das immer wieder in der Öffentlichkeit kundzutun. Namhafte Einrichtungen und Tierschutzorganisationen zeigten deutlich ihre Skepsis an der wagemutigen Rettungsaktion. Wurden nicht müde, diesen Versuch als „Belastung für das Tier“ darzustellen. Und so mancher denkt sich: „haben wir nicht größere Probleme im Land?“

Klar ist, diese Rettungsaktion wird die Probleme in unserem Land nicht schmälern. Doch zeigt sie deutlich, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie sich einem Ziel verschworen haben und zusammenarbeiten. Das gibt mir Mut in einer zunehmend verrohend anmutenden Welt. Wie sagte Minister Backhaus: „Wer nichts macht, macht auch keine Fehler.“ Ich sage: Wer nichts macht, hat den größten Fehler bereits begangen!

Mut, Zusammenhalt und Kreativität

Was dieses Wal-Beispiel mir zeigt ist, dass noch nicht alles verloren ist. Dass in einer Zeit, wo Shitstorm oder Kritik jeden von uns treffen kann, wo Rettungskräfte angegriffen werden, Kinder Menschen ermorden und Polizisten der Respekt verwehrt ist, es immer noch Menschen gibt, die sich aufmachen, um einem Wal zu helfen. Über alle Gegensätzlichkeiten hinweg, über Anfeindungen und Schlimmeres hinweg.
Das ist für mich Mut, das ist für mich Hingabe. Dafür bin ich dankbar.

„Es ist doch nur ein Wal“, mögen viele denken, doch wer ein bisschen weiterdenkt, der merkt bald, es ist nicht nur einfach ein Wal. Er ist Symbol für alles, was schief läuft in den Meeren, über die wir noch so wenig wissen. Immer mehr Meeressäuger verirren sich in Gefilde, in die sie nicht gehören, stranden vor Küsten, die nicht ihre Heimat sind. Der Klimawandel ist im vollen Gange und er lässt sich nicht mehr aufhalten. Nur noch verlangsamen. Ich für meinen Teil will ehrlich gestehen, ich sollte etwas tun, doch ich weiß nicht, was genau. Vielleicht geht es vielen Menschen so wie mir. Ich hoffe es. Denn ohne diese Erkenntnis können wir gar nicht anfangen, bewusst etwas zu ändern. Bei uns. In unserem Verhalten.

Denn nur so können wir das Beispiel, dass uns die zahlreichen, auch ehrenamtlichen, Helfer, die beiden Finanziers und auch das Umweltministerium von Mecklenburg-Vorpommern gegeben haben, richtig würdigen. Genauso, wie Timmy/Hope uns eine Botschaft hinterlassen hat: Aufgeben ist keine Option. Mit Mut, Zusammenhalt und Kreativität können wir unser Schicksal verändern. Und das der ganzen Welt.

Wal Timmy/Hope in seiner Rettungsbarge auf dem Weg in die freiheit

Kritiker und Schwarzmaler lassen nicht locker

Der Wal ist auf seinem Weg, offensichtlich den Umständen entsprechend ruhig, fast schon vergnügt, wie die ihn begleitenden Tierärzte berichten. Noch immer lassen die kritischen Stimmen nicht locker. Kein Wort des Lobes, ob des gewaltigen Kraftaktes, die Initiative, Ministerium, DLRG und etliche Ehrenamtliche und nicht zuletzt auch der Wal, in Poel vollbracht haben. Stattdessen mahnende Worte, der Wal könnte ertrinken, er sei zu krank, um weiterleben zu können.

Es wird weiter am negativen Denken festgehalten, kein Wort darüber, dass der Wal Timmy oder Hope mit seinem Verhalten seinen unbedingten Lebenswillen kundgetan hat.

Natürlich, keiner weiß, ob der Wal in heimischen Gewässern auch weiterhin überleben kann. Doch dann sind es nicht WIR, die sein Schicksal besiegeln. Wenn ich so die Nachrichten rund um Buckelwal Timmy/Hope verfolge, drängt sich mir immer wieder eine Frage auf: ist es Kritik und Schwarzmalerei, nur um des Kritisierens willen? Bringt nur „dagegen“ reden die erwünschte Aufmerksamkeit?

Eingriff in die Natur – ernsthaft?

Auch manche Statements von Einheimischen oder Urlaubern auf der Insel Poel lassen mich nur den Kopf schütteln. Sie betrachten den Rettungsversuch als einen Eingriff in die Natur. Da frage ich mich, hat die Natur Geisternetze ausgelegt, an denen Wal Timmy/Hope sich verletzt hat? Ist es die Natur, die Timmy/Hope hat sich verirren lassen, oder haben wir Menschen da nicht doch ein gutes Stück dran mitgeholfen?

Ein Säugetier so einfach seinem Schicksal zu überlassen, in dem Wissen, es wird wohl nicht „in Ruhe sterben“, da die Ostsee nicht sein natürlicher Lebensraum ist?
So geht man ja noch nicht einmal mit Menschen um. Im Gegenteil, hier wird alles getan, um Leiden zu verlängern, weil es das Leben verlängert. Und ausgerechnet diesen für unser Ökosystem wichtigen Säuger wollen wir einfach so in den Tod schicken, ohne einen Finger zu krümmen?

Das macht mich fassungslos. Genauso fassungslos, wie die Skepsis der sogenannten Experten, die nie mehr gesehen haben von dem Tier, als ich – nämlich Fernseh- und Streaming- Bilder. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln über Menschen, die diesen Wal, der sich – unseren Erkenntnissen nach – atypisch verhält und sich in einer noch nie dagewesenen Lage befindet, immer noch zu Tode reden.

Was das zeigt, ist simpel. Was wissen wir schon? Wir können beobachten, forschen, uns miteinander austauschen, doch jedes Tier wird uns in letzter Konsequenz immer ein Rätsel bleiben.

Auch Tiere sind Individuen und wenn dieser Buckelwal uns nichts gelehrt hat, dann doch wenigstens das.

Profil

https://www.ndr.de/radiomv

*Danke für das spektakuläre Video

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